Bisweilen scheint es, dass wir in einem Dschungel leben. Ein größerer Krieg als der gegen den Terrorismus braut sich auf unserem Planeten zusammen – der Extremismus dringt in unser Alltagsleben ein. Wir haben uns unserer gesamten Außenwelt bemächtigt, und uns sogar die wildesten Tiere untertan gemacht; das Einzige, was uns noch bleibt, ist, uns selbst zu bezwingen. Wegen unserer unstillbaren Konsumgier, sowie auf Grund von Fehlinterpretationen heiliger Texte und unserer zerstörerischen Kriegssucht (gegen uns selbst und unsere Umwelt), steht die Welt in der wir leben am Rande des unmittelbaren Zusammenbruchs. Wir haben uns neue Götzen geschaffen, um sie zu verehren. Wir haben eine Umwelt geschaffen, in der das soziale Gefüge, welches die Menschen miteinander verbindet, sich auflöst, und unserer Menschlichkeit keinen Freiraum lässt. Die Welt in der wir leben, ist von sozialem Elend, sowie von Chaos und Blutvergießen geplagt, an das sich das dem Menschen angeborene Gewissen nur äußerst schwierig gewöhnt.
Der Begriff “extrem” hat viele Varianten – Extremisten und Extremismus sind die zwei gebräuchlichsten Sprachverwendungen. Ziemlich oft werden diese Worte im Zusammenhang mit Moslems gebraucht, wie in den gängigen Ausdrücken “muslimische Extremisten” oder “islamischer Extremismus”.
Das Verständnis von Lebenssinn und Zielsetzung des menschlichen Handelns sind im Islam höchste Priorität für den Gläubigen, sowie die Voraussetzung dafür, dass wir in unserem inneren Leben Frieden und Harmonie zur Erhaltung der moralischen Gesundheit erreichen. Wenn dem Gläubigen das gelingt, dann besteht der nächste Schritt aus der Pflicht, den Frieden unter den Menschen zu unterstützen, indem er – dem Schöpfer zuliebe – mit bedingungsloser Hingabe eine tiefe Beziehung zum Göttlichen, eine innerliche Verbindung, aufbaut und pflegt. Die Beweggründe hierzu sind weder politische Herrschsucht, noch die Billigung von weltlicher oder materialistischer Einflussnahme auf unserer Privatleben.
Religionen werden mitunter böswillig ausgenutzt, um die Menschen im Hass gegeneinander aufzuhetzen; ein Hass, der manche Menschen dazu führt, andersgläubige zu verfolgen und sogar zu ermorden. Wenn wir Moslems daran glauben, dass wir hier die Welt Gottes durch vollkommene Menschlichkeit erfahren sollen, warum begehen wir dann so schlimme Verbrechen im Namen Gottes? Ich wünschte, es gäbe eine einfache Antwort darauf. Die Worte eines jeden wohlwollenden Lehrers oder Meisters – unabhängig von Religion oder Weg - ermutigen zur inneren Persönlichkeitsentwicklung, mithilfe von einer sinnübertragenden Bewusstseinstransformation, und nicht nur durch buchstabengetreue Rechtsauslegung von Schriften..
Auslegungen, die auf wortwörtlichen – und manchmal nicht authentischen – Überlieferungen der heiligen Texte beruhen, verleiten zum religiösem Extremismus, und regen die Menschheit dazu an, diese Texte und ideologischen Lehren zu etwas nur noch Äußerlichem zu machen. Diese Aufteilung verhindert, dass Lehrer und Meister den wahren Zweck der Glaubenslehre entbergen, um ihn – von innen heraus - verständlich zu machen, sowie mit der inneren Erleuchtung Kontakt aufzunehmen, und gewissenhaft praktizierende Gläubige wachzurütteln. Ist es somit adäquat, Glaubenssystemen die Schuld für die Probleme in der Welt zuschreiben? Ja und nein. Menschen in klerikalen Machtpositionen haben ihre Macht grausam missbraucht, – aber wird dadurch die nach innen gekehrte Reise der Menschheit – der Weg nach Innen – entkräftet und für ungültig erklärt?
Ja, viele Erzkonservative sind die geistige Grundlage für extreme Intoleranz und für das Fehlen sittlich-ethischer Normen. Wir sollten uns vor solch religiösen Frömmlern in Acht nehmen, mehr noch, als vor Atheisten. Der Mensch, der von einer fehlinterpretierten Religion gesteuert wird, ist weitaus gefährlicher als ein Atheist.
Die negative Auswirkung des Extremismus auf unsere geistige Entwicklung zeigt sich nicht nur im Missbrauch und im falschen Gebrauch der festgefügten Glaubenssysteme: sie erstreckt sich weit darüber hinaus. Der Wort “Extremismus” wird zu einer Art Maßstab für all das, was für den Menschen heutzutage zum Problem wird – und auch schon zu anderen Zeiten wurde.
Wieviele Menschen bemühen sich wirklich, Begriffe wie „islamischer Extremismus“ ad acta zu legen? Begriffe, die unserer Einbildungskraft Furcht einflößen und verhindern, danach zu fragen, ob Extremismus überhaupt noch sinnvoll ist? Wir können von denen, welche für die Tageszeitungen die Schlagzeilen verfassen, nicht verlangen, ihren gewohnten Schreibstil zu ändern. Das Leitbild der täglichen Nachrichtentexte Nordamerikas steht unter dem Motto „je dümmer, desto besser.“
Wenn wir das Wort “extrem” benutzen, und es im Zusammenhang mit einer Glaubensrichtung gebrauchen, dann spiegelt das gewöhnlich nur unsere Unfähigkeit wieder, einen logischen Schluss zu ziehen, einen chiffrierten Text zu verstehen, oder eine Metapher zu interpretieren. Doch selbst das ist fadenscheinig und verschwommen, da ein religiöser Fundamentalist das Argument bringen könnte, dass es gar keine versteckten oder ungenauen Bedeutungen in den heiligen Schriften geben kann; demzufolge enthält der wortgetreue Begriff die wahre Bedeutung. Im diesem Zusammenhang wird der Koran sogar noch vielschichtiger.
So, wie der Prophet des Islams sprach: „Der Beste unter den Menschen ist derjenige, der seinen Mitmenschen am nützlichsten ist.“ Die Botschaft des Islams ist eine Glaubensethik, die verlangt, im Einklang mit unserer gesellschaftlichen und ökologischen Umwelt zu leben.
Yilmaz Alimoglu
20. April 2012
aus dem Englischen von Christian Korn
Copyright © Yilmaz Alimoglu 2010-2015.



Recent Comments